Hands on · Kapitel 2 von 2

Fall Ole

Das ist eine mögliche Lösung — nicht der einzig richtige Weg. So kann ein sorgfältig begründeter Durchlauf durch den Diagnostik-S aussehen, von der Ausgangslage bis zur Evaluation. Pro Schritt siehst du zuerst eine mögliche Bearbeitung für Ole; darunter kannst du aufklappen, warum der Schritt fachlich so angelegt ist. Andere, ebenso gut begründete Wege sind denkbar. Wichtig: In den Schritten 1–3 wird nur aus der Ausgangslage gearbeitet — die Testbefunde tauchen bewusst erst ab Schritt 5 auf, damit die Hypothesen nicht rückwärts aus den Werten gebildet werden.

Ole

Der Fall

Ole, 10 Jahre · 3. Klasse

Ole ist zehn Jahre alt, besucht die dritte Klasse und zeigt seit einiger Zeit Schwierigkeiten im schulischen sowie im sozial-emotionalen Bereich.

Mathematische Schwierigkeiten: Es fällt Ole schwer, grundlegende Konzepte zu verstehen und anzuwenden; er verliert „den roten Faden" und hat Probleme, Zusammenhänge zwischen Zahlen zu erkennen und logische Schlüsse zu ziehen. Bei neuen Aufgaben und Rechenstrategien zeigt sich ein starkes Defizit mit wiederholten Fehlern; die Frustration steigt bei Anschlussverlust und mindert seine Motivation. Überfordert ist er vor allem in Stillarbeitsphasen und bei der Einführung neuer Inhalte (hoher Selbstständigkeitsgrad).

Emotionales Erregungspotenzial / aggressives Verhalten: Bei empfundener Überforderung reagiert Ole sehr impulsiv; schon kleine Rückschläge führen zu starker Reizbarkeit. Er wird laut, zeigt aggressive Gesten, wirft Gegenstände und stört Unterricht und Mitschüler.

Verlauf einer Eskalation: Zunächst leises Murmeln oder Stöhnen, dann Stift hinwerfen oder schmollender Rückzug, schließlich lautes Werden mit aggressiven Gesten und ggf. Werfen von Gegenständen. Gelegentlich verlässt er den Platz, läuft umher und beschimpft Mitschüler, wenn er sich ausgelacht fühlt. Die Ausbrüche dauern einige Minuten, klingen abrupt ab und sind oft von Erschöpfung und Scham gefolgt.

Sozial-emotionale Entwicklung: Hohe Sensibilität für Rückmeldungen, geringe Frustrationstoleranz; Misserfolge interpretiert Ole schnell als persönliches Scheitern. Starkes Bedürfnis nach Anerkennung und Sicherheit; seine emotionale Stabilität hängt stark von der Klarheit und Unterstützung der Umgebung ab.

Soziale Interaktion: Schwierigkeiten, sich in Gruppen einzufügen und Konflikte konstruktiv zu lösen. In ruhigen Momenten ist er freundlich und kontaktfreudig; die geringe Frustrationstoleranz führt jedoch zu wiederkehrenden Konflikten mit Gleichaltrigen, vor allem wenn er sich missverstanden oder ausgegrenzt fühlt.

Stärken und Ressourcen: Kreativität und Vorstellungskraft (Geschichten, Zeichnungen); gute Beobachtungsgabe und visuelles Gedächtnis; Konzentrationsfähigkeit über längere Zeit in vertrauten, sicheren Situationen; Empathie und soziale Sensibilität in kleinen, vertrauten Gruppen und im Umgang mit jüngeren Kindern und Tieren.

Zur Lehrkraft (Kontext): Die Lehrkraft ist neu an der Schule und in der Phase des Beziehungsaufbaus; sie beschreibt sich als unsicher im Umgang mit herausforderndem Verhalten, zeigt aber hohe Empathie, Reflexionsfähigkeit und Engagement. Sie bemüht sich um Struktur (Handzeichen, klare Regeln), führt Nachgespräche und bindet Ole bei kreativen Aufgaben ein. Ihre Reaktionen sind im Kern unterstützend, wirken aber teils inkonsistent (Wechsel zwischen Grenzsetzung und Verständnis; im Krisenmoment ggf. zu viel Erklären und erhöhte Aufmerksamkeit) — was das Verhalten ungewollt aufrechterhalten kann.

DiagnostikSchritt 1

1. Ausgangslage

Deine Aufgabe

Halte die wesentlichen Informationen strukturiert fest — getrennt nach Lern- und Arbeitsverhalten, Problemverhalten, sozial-emotionaler Entwicklung und sozialer Interaktion. Trenne dabei Beobachtung von Interpretation und führe Oles Stärken von Anfang an mit.

Mögliche Lösung

Lern- und Arbeitsverhalten

  • Schwer, grundlegende mathematische Konzepte zu verstehen und anzuwenden; verliert „den roten Faden".
  • Erkennt Zusammenhänge zwischen Zahlen kaum und zieht selten logische Schlüsse.
  • Bei neuen Aufgaben und Rechenstrategien starkes Defizit mit wiederholten Fehlern.
  • Besonders überfordert in Stillarbeitsphasen und bei der Einführung neuer Inhalte (hoher Selbstständigkeitsgrad).

Problemverhalten (emotionales Erregungspotenzial)

  • Reagiert bei empfundener Überforderung sehr impulsiv; kleine Rückschläge führen zu starker Reizbarkeit.
  • Wird laut, zeigt aggressive Gesten, wirft Gegenstände und stört Unterricht und Mitschüler.
  • Typischer Eskalationsverlauf: leises Murmeln/Stöhnen → Stift hinwerfen oder schmollender Rückzug → laut werden, aggressive Gesten, ggf. Werfen.
  • Ausbrüche dauern einige Minuten, klingen abrupt ab und sind oft von Erschöpfung und Scham gefolgt.

Sozial-emotionale Entwicklung

  • Hohe Sensibilität für Rückmeldungen, geringe Frustrationstoleranz.
  • Interpretiert Misserfolge schnell als persönliches Scheitern.
  • Starkes Bedürfnis nach Anerkennung und Sicherheit; emotionale Stabilität hängt stark von Klarheit und Unterstützung der Umgebung ab.

Soziale Interaktion

  • Schwierigkeiten, sich in Gruppen einzufügen und Konflikte konstruktiv zu lösen.
  • In ruhigen Momenten freundlich und kontaktfreudig.
  • Geringe Frustrationstoleranz führt zu wiederkehrenden Konflikten mit Gleichaltrigen — vor allem bei empfundenem Missverständnis oder Ausgrenzung.

Stärken und Ressourcen

  • Kreativität und Vorstellungskraft (Geschichten, Zeichnungen).
  • Gute Beobachtungsgabe und visuelles Gedächtnis.
  • Konzentrationsfähigkeit über längere Zeit in vertrauten, sicheren Situationen.
  • Empathie und soziale Sensibilität in kleinen, vertrauten Gruppen und im Umgang mit jüngeren Kindern und Tieren.
Warum so?Struktur schützt vor vorschnellem Urteil
Die Bereiche zu trennen zwingt dazu, erst zu beschreiben und noch nicht zu deuten. Wer sofort etikettiert („Ole ist aggressiv"), verengt den Blick und übersieht die Bedingungen des Verhaltens. Die Stärkenliste steht bewusst gleichberechtigt daneben — sie ist später der Andockpunkt der Förderung, keine Dekoration.
Aus der PraxisNicht nur die Problemsammlung lesen
Eine typische Falle: die Fallbeschreibung als reine „Problemsammlung" lesen und die Ressourcen überfliegen. Gerade bei herausforderndem Verhalten übersieht man leicht die Stärken — dabei sind Oles Kreativität, seine Empathie und seine Konzentration in sicheren Situationen genau die Hebel für tragfähige Maßnahmen.
DiagnostikSchritt 2

2. Fragestellungen

Deine Aufgabe

Formuliere diagnostische Fragestellungen in den drei Pflichtbereichen — sozial-emotionale Entwicklung, soziale Interaktion und Verhalten im Kontext einer Störungsform bzw. eines Problemverhaltens. Das Lern- und Arbeitsverhalten kannst du optional ergänzen.

Mögliche Lösung

Sozial-emotionale Entwicklung: (1) Wie ausgeprägt ist Oles schulisches Selbstkonzept? (2) Wie ausgeprägt ist seine Selbstregulationsfähigkeit?

Soziale Interaktion: Wie erlebt Ole seine soziale Integration in der Klasse?

Verhalten / Störungsform: Zeigt Ole reaktiv aggressives Verhalten?

Optional — Lern- und Arbeitsverhalten: Liegen umschriebene Schwierigkeiten im mathematischen Basiskompetenzbereich vor?

Warum so?Fragestellungen vor den Befunden
Die Fragestellungen entstehen aus der Ausgangslage — bevor Testwerte vorliegen. Sonst formuliert man die Fragen rückwärts passend zu den Ergebnissen und bestätigt nur, was ohnehin schon dasteht. Im Förderschwerpunkt emotional-soziale Entwicklung stehen die sozial-emotionale Entwicklung, die soziale Interaktion und das Problemverhalten im Zentrum.
Fachlicher HintergrundDie drei Pflichtbereiche
Der Diagnostik-S verlangt Fragestellungen in drei Pflichtbereichen: sozial-emotionale Entwicklung, soziale Interaktion und Verhalten im Kontext einer Störungsform bzw. eines Problemverhaltens. Das Lern- und Arbeitsverhalten ist optional und wird ergänzt, wenn es — wie bei Oles Mathematik — für den Fall relevant ist.
DiagnostikSchritt 3

3. Hypothesen

Deine Aufgabe

Leite zu jeder Fragestellung mindestens eine überprüfbare (falsifizierbare) Hypothese ab.

Mögliche Lösung

Selbstkonzept: Oles schulisches Selbstkonzept ist unterdurchschnittlich stark ausgeprägt.

Emotionale Regulation: (1) Ole zeigt eine geringe Frustrationstoleranz. (2) Ole zeigt wenig Lernfreude. (3) Ole zeigt wenig Anstrengungsbereitschaft.

Soziale Integration: Ole fühlt sich in der Klasse nicht integriert.

Fachlicher HintergrundSORC und Verstärkungslernen
Hinter Oles reaktiv-aggressivem Verhalten steht ein verhaltensanalytisches Modell: das SORC-Modell (Stimulus – Organismus – Reaktion – Konsequenz). Entscheidend ist das C: Reaktionen der Umwelt können ein Verhalten unbeabsichtigt stärken — durch positive Verstärkung (etwas Angenehmes kommt hinzu, z. B. Aufmerksamkeit) oder negative Verstärkung (etwas Unangenehmes fällt weg, z. B. die Rechenaufgabe). Im Seminar wurde SORC über eine inszenierte Situation eingeführt: Die Seminarleitung betrat den Raum ohne Begrüßung und Struktur — die eigene Verunsicherung macht erfahrbar, wie stark Bedingungen das Verhalten steuern.
Warum so?Was eine gute Hypothese ausmacht
Gute Hypothesen sind konkret, prüfbar (falsifizierbar) und an ein Verfahren anschließbar. „Ole hat Probleme" ist keine Hypothese; „Oles Selbstkonzept ist im sozialen Vergleich unterdurchschnittlich" schon — sie lässt sich mit der SESSKO-Skala „sozial" gezielt überprüfen.
DiagnostikSchritt 4

4. Verfahren auswählen

Deine Aufgabe

Wähle zu jeder Hypothese ein passendes Verfahren. Das messbare Merkmal muss inhaltlich zur Hypothese passen; kombiniere mehrere Methoden und Perspektiven.

Mögliche Lösung

SESSKO → Hypothese zum schulischen Selbstkonzept. Es differenziert kriterial / individuell / sozial / absolut und macht sichtbar, in welcher Hinsicht das Selbstkonzept beeinträchtigt ist.

FEESS 3–4 → soziale Integration, Klassenklima, Selbstkonzept der Schulfähigkeit, Angenommensein sowie Anstrengungsbereitschaft und Lernfreude. Damit lassen sich zugleich die Hypothesen zur sozialen Integration und zu Lernfreude/Anstrengungsbereitschaft prüfen.

Warum so?Passung Konstrukt ↔ Instrument
Ein Verfahren ist nur so gut wie seine Passung zur Hypothese: Für das Selbstkonzept nimmt man kein allgemeines Angstmaß, sondern die SESSKO-Skala, die genau dieses Konstrukt differenziert erfasst. SESSKO und FEESS ergänzen sich — die eine schaut fein aufs Selbstkonzept, die andere breit auf Integration, Klassenklima und Lernmotivation.
Fachlicher HintergrundMultimethodalität & Multiperspektivität
Diagnostik stützt sich grundsätzlich auf mehrere Methoden und mehrere Perspektiven. Hier bilden zwei standardisierte Selbstbericht-Fragebögen (SESSKO, FEESS) die Datenbasis; in der Praxis ergänzt man sie sinnvoll durch eine Verhaltensbeobachtung und ein Gespräch mit der Lehrkraft, um auch die Fremdsicht einzubeziehen.
DiagnostikSchritt 5

5. Fallmappe auswerten

Deine Aufgabe

Trage die Werte pro Skala ein, stufe sie ein (auffällig / grenzwertig / unauffällig) und fasse pro Verfahren zusammen.

Mögliche Lösung

SESSKO (Normbereich T 40–60): kriterial T 56 (unauffällig), individuell T 53 (unauffällig), sozial T 36 (auffällig), absolut T 41 (unterer Normbereich). Kernbefund: Oles Selbstwahrnehmung ist im sozialen Vergleich deutlich beeinträchtigt, obwohl er sich an den Anforderungen gemessen als kompetent erlebt.

FEESS 3–4 (Normbereich Prozentrang 16–84 ≈ T 40–60): Selbstkonzept der Schulfähigkeit (SK) auffällig niedrig (≈ PR 16 / T 39), Gefühl des Angenommenseins (GA) grenzwertig (≈ PR 31 / T 43); Soziale Integration und Klassenklima unauffällig (≈ T 48); Anstrengungsbereitschaft (T 57) und Lernfreude (T 55) im oberen Normbereich — klare Ressourcen.

Fachlicher HintergrundT-Wert-Bänder statt Punktwerte
Ein T-Wert ist eine Schätzung mit Messfehler — deshalb liest man ihn als Band (Konfidenzintervall), nicht als exakten Punkt. Der Normbereich T 40–60 umfasst rund zwei Drittel der Vergleichsgruppe (M = 50, SD = 10). Oles sozialer Selbstkonzeptwert von T 36 liegt mit seinem Band deutlich darunter — ein belastbarer Befund, kein Zufall. Mehr dazu in den Statistik-Kapiteln Normierung, T-Werte & Prozentränge und Konfidenzintervall.
Warum so?Einstufung: auffällig / grenzwertig / unauffällig
Innerhalb des Normbereichs (T 40–60) ist ein Wert unauffällig, am unteren Rand grenzwertig, darunter auffällig. Diese Dreiteilung macht aus einer nackten Zahl eine Entscheidung — und sie zwingt dazu, jede Skala einzeln zu würdigen, statt einen diffusen Gesamteindruck zu bilden.
Aus der PraxisDer eigentliche Hebel
Der auffällig niedrige soziale Selbstkonzeptwert bei gleichzeitig guter Anstrengungsbereitschaft ist der diagnostische Schlüssel: Ole will und kann sich anstrengen, aber der ständige Vergleich mit anderen untergräbt sein Zutrauen. Genau hier setzt später die Förderung an — mit einer individuellen statt einer sozialen Bezugsnorm.
DiagnostikSchritt 6

6. Beurteilung

Deine Aufgabe

Prüfe jede Hypothese gegen die Befunde — bestätigt, verworfen oder offen — und halte die zentralen Problembereiche und Stärken fest.

Mögliche Lösung

Selbstkonzept unterdurchschnittlich → bestätigt (SESSKO: sozial T 36 auffällig; FEESS: Selbstkonzept der Schulfähigkeit niedrig).

Geringe Frustrationstoleranz → bestätigt (Ausgangslage und Verhaltensebene: impulsive, reaktiv-aggressive Ausbrüche bei Überforderung).

Wenig Lernfreude → verworfen (FEESS Lernfreude T 55, oberer Normbereich — im Gegenteil eine Ressource).

Wenig Anstrengungsbereitschaft → verworfen (FEESS Anstrengungsbereitschaft T 57 — ebenfalls eine Ressource).

Nicht integriert → nicht bestätigt (FEESS Soziale Integration unauffällig, ≈ T 48).

Problembereiche: (1) negatives schulisches Selbstkonzept; (2) geringe Frustrationstoleranz mit impulsivem, reaktiv-aggressivem Problemverhalten.

Stärken und Kompetenzen: hohe Anstrengungsbereitschaft und Lernfreude (FEESS); unauffällige soziale Integration; Kreativität und Vorstellungskraft; Empathie in vertrauten Kontexten; gute Beobachtungsgabe und visuelles Gedächtnis; Konzentration bei Sicherheit.

Warum so?Datenlage von Interpretation trennen
Jede Hypothese wird ausdrücklich am Befund gemessen — auch das Verwerfen ist ein wertvolles Ergebnis. Hier entpuppen sich gleich zwei vermutete Schwächen (wenig Lernfreude, wenig Anstrengungsbereitschaft) als Stärken: Die Fragebogenwerte widersprechen dem ersten Eindruck aus der Ausgangslage. Genau dafür ist Diagnostik da — Annahmen prüfen, statt sie zu bestätigen.
Aus der PraxisStärken sind Andockpunkte, keine Deko
Die Stärkenliste ist kein Trostpflaster am Ende der Diagnostik, sondern die Grundlage der Förderung: Oles hohe Anstrengungsbereitschaft und seine kreativen, bildhaften Zugänge werden in den nächsten Schritten gezielt genutzt, um am Selbstkonzept und an der Selbstregulation zu arbeiten.
FörderplanungSchritt 7

7. Entwicklungsbedarfe

Deine Aufgabe

Leite aus der Beurteilung zwei bis drei vorrangige Förderbereiche ab — bewusst begrenzt.

Mögliche Lösung

1. Emotionale Selbstregulation / Frustrationstoleranz (Verhaltensebene).

2. Aufbau eines realistisch-positiven schulischen Selbstkonzepts — vor allem die Loslösung vom belastenden sozialen Vergleich.

Bewusst zurückgestellt: die isolierte Mathematik-Förderung. Schwerpunkt setzen heißt auch, nicht alles gleichzeitig anzugehen und Ole nicht zu überfordern.

Fachlicher HintergrundMelzer: Begrenztheit & Schwerpunkte
Ein Qualitätskriterium wirksamer Förderpläne (Melzer 2010) ist Begrenztheit: „Weniger ist mehr" — maximal zwei bis drei Förderbereiche. Ein Plan, der alles umfassen will, wird im Alltag nicht umgesetzt. Priorisiert wird nach Dringlichkeit und Veränderbarkeit.
Warum so?Bedarfe an Stärken ankoppeln
Die gewählten Bereiche docken an Oles Ressourcen an: Sein Zutrauen wächst über Erfolge nach individueller Bezugsnorm, seine Selbstregulation über klare, vorab vereinbarte Signale. Die Mathematik-Schwäche wird nicht ignoriert, aber nachgeordnet — erst Regulation und Selbstwert schaffen die Basis, um überhaupt wieder lernen zu können.
FörderplanungSchritt 8

8. Förderziele

Deine Aufgabe

Formuliere für die Förderbereiche zwei bis vier konkrete Ziele nach den SMART-Kriterien (spezifisch, messbar, akzeptiert, realistisch, terminiert).

Mögliche Lösung

Selbstregulation: „Ole wendet in Überforderungssituationen im Mathematikunterricht innerhalb der nächsten 8 Wochen in mindestens 3 von 5 beobachteten Situationen eine vereinbarte Selbstregulationsstrategie (z. B. Signal-/Ampelkarte, Kurz-Auszeit) an, statt Gegenstände zu werfen." — messbar über das DBR.

Selbstkonzept: „Ole benennt am Ende jeder Mathematikstunde über 4 Wochen in einem Erfolgstagebuch mindestens einen eigenen Lernfortschritt." — individuelle Bezugsnorm.

Warum so?SMART operationalisiert — und macht evaluierbar
SMART zwingt dazu, ein Ziel so zu fassen, dass man am Ende eindeutig prüfen kann, ob es erreicht wurde. Die Messbarkeit koppelt das Ziel direkt an die Evaluation: „3 von 5 Situationen" ist über das DBR nachvollziehbar, „Ole soll ruhiger werden" nicht.
Aus der PraxisZiele nicht als Maßnahmen tarnen
Ein häufiger Fehler: eine Maßnahme als Ziel formulieren („Ole nutzt eine Ampelkarte"). Das Ziel beschreibt den angestrebten Zustand bzw. das Verhalten, die Maßnahme den Weg dorthin. Zum Schärfen der Formulierung hilft zmarty.online.
FörderplanungSchritt 9

9. Maßnahmen

Deine Aufgabe

Wähle pro Ziel mindestens eine (maximal zwei bis drei) möglichst evidenzbasierte Maßnahme und lege Zuständigkeit, Frequenz und Start fest.

Mögliche Lösung

Zum Selbstregulationsziel: Signal-/Ampelkartensystem plus eine vorab vereinbarte Kurz-Auszeit; ein Token-/Verstärkerplan; Coaching/Absprache mit der Lehrkraft für eine konsistente Reaktion — das adressiert die inkonsistente Konsequenz aus der Bedingungsanalyse direkt.

Zum Selbstkonzeptziel: Erfolgstagebuch; konsequente Rückmeldung nach individueller Bezugsnorm statt sozialem Vergleich; Einbindung von Oles kreativen, bildhaften Stärken in den Matheunterricht (anschauliche Zugänge).

Warum so?Am Aufrechterhaltungsmechanismus ansetzen
Eine Maßnahme wirkt nur, wenn sie am Mechanismus ansetzt, nicht am Symptom. Weil Oles Verhalten teils durch inkonsistente Konsequenzen aufrechterhalten wird (SORC), ist die Absprache mit der Lehrkraft über eine einheitliche Reaktion oft wirksamer als jede Einzelintervention beim Kind.
Fachlicher HintergrundWirksamkeit & individuelle Bezugsnorm
Bevorzugt werden Maßnahmen mit Wirksamkeitsnachweisen — siehe die Rubrik Was wirkt?. Die individuelle Bezugsnorm ist die gezielte Antwort auf den SESSKO-Befund: Ole wird an seinem eigenen Fortschritt gemessen, nicht am Klassendurchschnitt — genau der Vergleich, der sein Selbstkonzept belastet, wird so entschärft.
Aus der PraxisKonsistenz schlägt Intensität
Nicht die spektakulärste Maßnahme wirkt, sondern die, die verlässlich und einheitlich umgesetzt wird. Ein einfaches Ampelsystem, das alle konsequent anwenden, ist mehr wert als ein komplexes Programm, das nach zwei Wochen einschläft.
FörderplanungSchritt 10

10. Durchführung

Deine Aufgabe

Reflektiere die Einführung: Wie besprichst du die Maßnahmen mit Ole? Welche Hindernisse antizipierst du, welche Chancen siehst du?

Mögliche Lösung

Ziele und Maßnahmen werden mit Ole in einer Zielvereinbarung / einem Förderkontrakt besprochen — das schafft Verbindlichkeit und Partizipation.

Hindernisse: die Konsistenz im Schulalltag, die Akzeptanz durch Ole, der noch laufende Beziehungsaufbau der neuen Lehrkraft.

Chancen: die Stärkenorientierung und kleine, schnell sichtbare Erfolge, die Oles Zutrauen stützen.

Fachlicher HintergrundMelzer: Verbindlichkeit & Unterrichtsrelevanz
Zwei Qualitätskriterien greifen hier: Verbindlichkeit entsteht über einen Förderkontrakt bzw. eine Zielvereinbarung (wer tut was bis wann). Unterrichtsrelevanz heißt: Die Förderung wird in den Unterricht integriert — „Förderplanung ist Unterrichtsplanung", kein Zusatzprogramm nebenher.
Aus der PraxisPartizipation erhöht Akzeptanz
Ole an der Vereinbarung zu beteiligen — ihn die Signalkarte mitgestalten lassen, Erfolge selbst eintragen — erhöht die Akzeptanz deutlich. Über den Kopf des Kindes hinweg geplante Maßnahmen verpuffen häufig.
FörderplanungSchritt 11

11. Evaluation

Deine Aufgabe

Lege pro Ziel fest, woran du Zielerreichung erkennst, mit welchem Instrument du misst, wann und wie oft, und wer verantwortlich ist.

Mögliche Lösung

Selbstregulationsziel → DBR (Direct Behavior Rating): tägliche Einschätzung auf einer Skala 0–10, Baseline vs. Interventionsphase (der Ole-Bogen aus der Fallmappe). Kriterium: Zielwert in ≥ 3 von 5 Situationen erreicht. Verantwortlich: die Klassenlehrkraft.

Selbstkonzeptziel → Auswertung des Erfolgstagebuchs; optional ein SESSKO-Retest nach einem Halbjahr mit Fokus auf die Skala „sozial".

Zeitabstände: engmaschig laufend (DBR) plus eine zusammenfassende Fortschreibung nach etwa 4 Monaten — bei komplexer Problemlage auch kürzer.

Fachlicher HintergrundVerhaltensfortschrittsmessung & Fortschreibung
Das DBR ist eine ökonomische Verlaufsmessung: viele kleine Einschätzungen über die Zeit, aus denen sich ein Trend ablesen lässt (siehe das Statistik-Kapitel Lernverlaufsdiagnostik). Für Melzer ist die Evaluation die Grundlage der Fortschreibung — ihre Leitfragen: Ist das Ziel erreicht? Wurde die Maßnahme wie geplant umgesetzt? Warum (nicht)? Wie geht es weiter?
Warum so?Die Evaluation schließt den Kreis
Evaluation ist kein Anhängsel, sondern der Rückbezug auf die SMART-Ziele aus Schritt 8: Nur messbar formulierte Ziele sind überhaupt evaluierbar. Damit schließt sich der Kreis von der Ausgangslage über Diagnostik und Zielsetzung bis zur überprüften Wirkung — und beginnt bei Bedarf von vorn.