Hands on · Kapitel 2 von 2
Fall Ole
Das ist eine mögliche Lösung — nicht der einzig richtige Weg. So kann ein sorgfältig begründeter Durchlauf durch den Diagnostik-S aussehen, von der Ausgangslage bis zur Evaluation. Pro Schritt siehst du zuerst eine mögliche Bearbeitung für Ole; darunter kannst du aufklappen, warum der Schritt fachlich so angelegt ist. Andere, ebenso gut begründete Wege sind denkbar. Wichtig: In den Schritten 1–3 wird nur aus der Ausgangslage gearbeitet — die Testbefunde tauchen bewusst erst ab Schritt 5 auf, damit die Hypothesen nicht rückwärts aus den Werten gebildet werden.
Ole
Der Fall
Ole, 10 Jahre · 3. Klasse
Ole ist zehn Jahre alt, besucht die dritte Klasse und zeigt seit einiger Zeit Schwierigkeiten im schulischen sowie im sozial-emotionalen Bereich.
Mathematische Schwierigkeiten: Es fällt Ole schwer, grundlegende Konzepte zu verstehen und anzuwenden; er verliert „den roten Faden" und hat Probleme, Zusammenhänge zwischen Zahlen zu erkennen und logische Schlüsse zu ziehen. Bei neuen Aufgaben und Rechenstrategien zeigt sich ein starkes Defizit mit wiederholten Fehlern; die Frustration steigt bei Anschlussverlust und mindert seine Motivation. Überfordert ist er vor allem in Stillarbeitsphasen und bei der Einführung neuer Inhalte (hoher Selbstständigkeitsgrad).
Emotionales Erregungspotenzial / aggressives Verhalten: Bei empfundener Überforderung reagiert Ole sehr impulsiv; schon kleine Rückschläge führen zu starker Reizbarkeit. Er wird laut, zeigt aggressive Gesten, wirft Gegenstände und stört Unterricht und Mitschüler.
Verlauf einer Eskalation: Zunächst leises Murmeln oder Stöhnen, dann Stift hinwerfen oder schmollender Rückzug, schließlich lautes Werden mit aggressiven Gesten und ggf. Werfen von Gegenständen. Gelegentlich verlässt er den Platz, läuft umher und beschimpft Mitschüler, wenn er sich ausgelacht fühlt. Die Ausbrüche dauern einige Minuten, klingen abrupt ab und sind oft von Erschöpfung und Scham gefolgt.
Sozial-emotionale Entwicklung: Hohe Sensibilität für Rückmeldungen, geringe Frustrationstoleranz; Misserfolge interpretiert Ole schnell als persönliches Scheitern. Starkes Bedürfnis nach Anerkennung und Sicherheit; seine emotionale Stabilität hängt stark von der Klarheit und Unterstützung der Umgebung ab.
Soziale Interaktion: Schwierigkeiten, sich in Gruppen einzufügen und Konflikte konstruktiv zu lösen. In ruhigen Momenten ist er freundlich und kontaktfreudig; die geringe Frustrationstoleranz führt jedoch zu wiederkehrenden Konflikten mit Gleichaltrigen, vor allem wenn er sich missverstanden oder ausgegrenzt fühlt.
Stärken und Ressourcen: Kreativität und Vorstellungskraft (Geschichten, Zeichnungen); gute Beobachtungsgabe und visuelles Gedächtnis; Konzentrationsfähigkeit über längere Zeit in vertrauten, sicheren Situationen; Empathie und soziale Sensibilität in kleinen, vertrauten Gruppen und im Umgang mit jüngeren Kindern und Tieren.
Zur Lehrkraft (Kontext): Die Lehrkraft ist neu an der Schule und in der Phase des Beziehungsaufbaus; sie beschreibt sich als unsicher im Umgang mit herausforderndem Verhalten, zeigt aber hohe Empathie, Reflexionsfähigkeit und Engagement. Sie bemüht sich um Struktur (Handzeichen, klare Regeln), führt Nachgespräche und bindet Ole bei kreativen Aufgaben ein. Ihre Reaktionen sind im Kern unterstützend, wirken aber teils inkonsistent (Wechsel zwischen Grenzsetzung und Verständnis; im Krisenmoment ggf. zu viel Erklären und erhöhte Aufmerksamkeit) — was das Verhalten ungewollt aufrechterhalten kann.
Diagnostik
1. Ausgangslage
Deine Aufgabe
Halte die wesentlichen Informationen strukturiert fest — getrennt nach Lern- und Arbeitsverhalten, Problemverhalten, sozial-emotionaler Entwicklung und sozialer Interaktion. Trenne dabei Beobachtung von Interpretation und führe Oles Stärken von Anfang an mit.
Mögliche Lösung
Lern- und Arbeitsverhalten
- Schwer, grundlegende mathematische Konzepte zu verstehen und anzuwenden; verliert „den roten Faden".
- Erkennt Zusammenhänge zwischen Zahlen kaum und zieht selten logische Schlüsse.
- Bei neuen Aufgaben und Rechenstrategien starkes Defizit mit wiederholten Fehlern.
- Besonders überfordert in Stillarbeitsphasen und bei der Einführung neuer Inhalte (hoher Selbstständigkeitsgrad).
Problemverhalten (emotionales Erregungspotenzial)
- Reagiert bei empfundener Überforderung sehr impulsiv; kleine Rückschläge führen zu starker Reizbarkeit.
- Wird laut, zeigt aggressive Gesten, wirft Gegenstände und stört Unterricht und Mitschüler.
- Typischer Eskalationsverlauf: leises Murmeln/Stöhnen → Stift hinwerfen oder schmollender Rückzug → laut werden, aggressive Gesten, ggf. Werfen.
- Ausbrüche dauern einige Minuten, klingen abrupt ab und sind oft von Erschöpfung und Scham gefolgt.
Sozial-emotionale Entwicklung
- Hohe Sensibilität für Rückmeldungen, geringe Frustrationstoleranz.
- Interpretiert Misserfolge schnell als persönliches Scheitern.
- Starkes Bedürfnis nach Anerkennung und Sicherheit; emotionale Stabilität hängt stark von Klarheit und Unterstützung der Umgebung ab.
Soziale Interaktion
- Schwierigkeiten, sich in Gruppen einzufügen und Konflikte konstruktiv zu lösen.
- In ruhigen Momenten freundlich und kontaktfreudig.
- Geringe Frustrationstoleranz führt zu wiederkehrenden Konflikten mit Gleichaltrigen — vor allem bei empfundenem Missverständnis oder Ausgrenzung.
Stärken und Ressourcen
- Kreativität und Vorstellungskraft (Geschichten, Zeichnungen).
- Gute Beobachtungsgabe und visuelles Gedächtnis.
- Konzentrationsfähigkeit über längere Zeit in vertrauten, sicheren Situationen.
- Empathie und soziale Sensibilität in kleinen, vertrauten Gruppen und im Umgang mit jüngeren Kindern und Tieren.
Warum so?Struktur schützt vor vorschnellem Urteil
Aus der PraxisNicht nur die Problemsammlung lesen
2. Fragestellungen
Deine Aufgabe
Formuliere diagnostische Fragestellungen in den drei Pflichtbereichen — sozial-emotionale Entwicklung, soziale Interaktion und Verhalten im Kontext einer Störungsform bzw. eines Problemverhaltens. Das Lern- und Arbeitsverhalten kannst du optional ergänzen.
Mögliche Lösung
Sozial-emotionale Entwicklung: (1) Wie ausgeprägt ist Oles schulisches Selbstkonzept? (2) Wie ausgeprägt ist seine Selbstregulationsfähigkeit?
Soziale Interaktion: Wie erlebt Ole seine soziale Integration in der Klasse?
Verhalten / Störungsform: Zeigt Ole reaktiv aggressives Verhalten?
Optional — Lern- und Arbeitsverhalten: Liegen umschriebene Schwierigkeiten im mathematischen Basiskompetenzbereich vor?
Warum so?Fragestellungen vor den Befunden
Fachlicher HintergrundDie drei Pflichtbereiche
3. Hypothesen
Deine Aufgabe
Leite zu jeder Fragestellung mindestens eine überprüfbare (falsifizierbare) Hypothese ab.
Mögliche Lösung
Selbstkonzept: Oles schulisches Selbstkonzept ist unterdurchschnittlich stark ausgeprägt.
Emotionale Regulation: (1) Ole zeigt eine geringe Frustrationstoleranz. (2) Ole zeigt wenig Lernfreude. (3) Ole zeigt wenig Anstrengungsbereitschaft.
Soziale Integration: Ole fühlt sich in der Klasse nicht integriert.
Fachlicher HintergrundSORC und Verstärkungslernen
Warum so?Was eine gute Hypothese ausmacht
4. Verfahren auswählen
Deine Aufgabe
Wähle zu jeder Hypothese ein passendes Verfahren. Das messbare Merkmal muss inhaltlich zur Hypothese passen; kombiniere mehrere Methoden und Perspektiven.
Mögliche Lösung
SESSKO → Hypothese zum schulischen Selbstkonzept. Es differenziert kriterial / individuell / sozial / absolut und macht sichtbar, in welcher Hinsicht das Selbstkonzept beeinträchtigt ist.
FEESS 3–4 → soziale Integration, Klassenklima, Selbstkonzept der Schulfähigkeit, Angenommensein sowie Anstrengungsbereitschaft und Lernfreude. Damit lassen sich zugleich die Hypothesen zur sozialen Integration und zu Lernfreude/Anstrengungsbereitschaft prüfen.
Warum so?Passung Konstrukt ↔ Instrument
Fachlicher HintergrundMultimethodalität & Multiperspektivität
5. Fallmappe auswerten
Deine Aufgabe
Trage die Werte pro Skala ein, stufe sie ein (auffällig / grenzwertig / unauffällig) und fasse pro Verfahren zusammen.
Mögliche Lösung
SESSKO (Normbereich T 40–60): kriterial T 56 (unauffällig), individuell T 53 (unauffällig), sozial T 36 (auffällig), absolut T 41 (unterer Normbereich). Kernbefund: Oles Selbstwahrnehmung ist im sozialen Vergleich deutlich beeinträchtigt, obwohl er sich an den Anforderungen gemessen als kompetent erlebt.
FEESS 3–4 (Normbereich Prozentrang 16–84 ≈ T 40–60): Selbstkonzept der Schulfähigkeit (SK) auffällig niedrig (≈ PR 16 / T 39), Gefühl des Angenommenseins (GA) grenzwertig (≈ PR 31 / T 43); Soziale Integration und Klassenklima unauffällig (≈ T 48); Anstrengungsbereitschaft (T 57) und Lernfreude (T 55) im oberen Normbereich — klare Ressourcen.
Fachlicher HintergrundT-Wert-Bänder statt Punktwerte
Warum so?Einstufung: auffällig / grenzwertig / unauffällig
Aus der PraxisDer eigentliche Hebel
6. Beurteilung
Deine Aufgabe
Prüfe jede Hypothese gegen die Befunde — bestätigt, verworfen oder offen — und halte die zentralen Problembereiche und Stärken fest.
Mögliche Lösung
Selbstkonzept unterdurchschnittlich → bestätigt (SESSKO: sozial T 36 auffällig; FEESS: Selbstkonzept der Schulfähigkeit niedrig).
Geringe Frustrationstoleranz → bestätigt (Ausgangslage und Verhaltensebene: impulsive, reaktiv-aggressive Ausbrüche bei Überforderung).
Wenig Lernfreude → verworfen (FEESS Lernfreude T 55, oberer Normbereich — im Gegenteil eine Ressource).
Wenig Anstrengungsbereitschaft → verworfen (FEESS Anstrengungsbereitschaft T 57 — ebenfalls eine Ressource).
Nicht integriert → nicht bestätigt (FEESS Soziale Integration unauffällig, ≈ T 48).
Problembereiche: (1) negatives schulisches Selbstkonzept; (2) geringe Frustrationstoleranz mit impulsivem, reaktiv-aggressivem Problemverhalten.
Stärken und Kompetenzen: hohe Anstrengungsbereitschaft und Lernfreude (FEESS); unauffällige soziale Integration; Kreativität und Vorstellungskraft; Empathie in vertrauten Kontexten; gute Beobachtungsgabe und visuelles Gedächtnis; Konzentration bei Sicherheit.
Warum so?Datenlage von Interpretation trennen
Aus der PraxisStärken sind Andockpunkte, keine Deko
7. Entwicklungsbedarfe
Deine Aufgabe
Leite aus der Beurteilung zwei bis drei vorrangige Förderbereiche ab — bewusst begrenzt.
Mögliche Lösung
1. Emotionale Selbstregulation / Frustrationstoleranz (Verhaltensebene).
2. Aufbau eines realistisch-positiven schulischen Selbstkonzepts — vor allem die Loslösung vom belastenden sozialen Vergleich.
Bewusst zurückgestellt: die isolierte Mathematik-Förderung. Schwerpunkt setzen heißt auch, nicht alles gleichzeitig anzugehen und Ole nicht zu überfordern.
Fachlicher HintergrundMelzer: Begrenztheit & Schwerpunkte
Warum so?Bedarfe an Stärken ankoppeln
8. Förderziele
Deine Aufgabe
Formuliere für die Förderbereiche zwei bis vier konkrete Ziele nach den SMART-Kriterien (spezifisch, messbar, akzeptiert, realistisch, terminiert).
Mögliche Lösung
Selbstregulation: „Ole wendet in Überforderungssituationen im Mathematikunterricht innerhalb der nächsten 8 Wochen in mindestens 3 von 5 beobachteten Situationen eine vereinbarte Selbstregulationsstrategie (z. B. Signal-/Ampelkarte, Kurz-Auszeit) an, statt Gegenstände zu werfen." — messbar über das DBR.
Selbstkonzept: „Ole benennt am Ende jeder Mathematikstunde über 4 Wochen in einem Erfolgstagebuch mindestens einen eigenen Lernfortschritt." — individuelle Bezugsnorm.
Warum so?SMART operationalisiert — und macht evaluierbar
Aus der PraxisZiele nicht als Maßnahmen tarnen
9. Maßnahmen
Deine Aufgabe
Wähle pro Ziel mindestens eine (maximal zwei bis drei) möglichst evidenzbasierte Maßnahme und lege Zuständigkeit, Frequenz und Start fest.
Mögliche Lösung
Zum Selbstregulationsziel: Signal-/Ampelkartensystem plus eine vorab vereinbarte Kurz-Auszeit; ein Token-/Verstärkerplan; Coaching/Absprache mit der Lehrkraft für eine konsistente Reaktion — das adressiert die inkonsistente Konsequenz aus der Bedingungsanalyse direkt.
Zum Selbstkonzeptziel: Erfolgstagebuch; konsequente Rückmeldung nach individueller Bezugsnorm statt sozialem Vergleich; Einbindung von Oles kreativen, bildhaften Stärken in den Matheunterricht (anschauliche Zugänge).
Warum so?Am Aufrechterhaltungsmechanismus ansetzen
Fachlicher HintergrundWirksamkeit & individuelle Bezugsnorm
Aus der PraxisKonsistenz schlägt Intensität
10. Durchführung
Deine Aufgabe
Reflektiere die Einführung: Wie besprichst du die Maßnahmen mit Ole? Welche Hindernisse antizipierst du, welche Chancen siehst du?
Mögliche Lösung
Ziele und Maßnahmen werden mit Ole in einer Zielvereinbarung / einem Förderkontrakt besprochen — das schafft Verbindlichkeit und Partizipation.
Hindernisse: die Konsistenz im Schulalltag, die Akzeptanz durch Ole, der noch laufende Beziehungsaufbau der neuen Lehrkraft.
Chancen: die Stärkenorientierung und kleine, schnell sichtbare Erfolge, die Oles Zutrauen stützen.
Fachlicher HintergrundMelzer: Verbindlichkeit & Unterrichtsrelevanz
Aus der PraxisPartizipation erhöht Akzeptanz
11. Evaluation
Deine Aufgabe
Lege pro Ziel fest, woran du Zielerreichung erkennst, mit welchem Instrument du misst, wann und wie oft, und wer verantwortlich ist.
Mögliche Lösung
Selbstregulationsziel → DBR (Direct Behavior Rating): tägliche Einschätzung auf einer Skala 0–10, Baseline vs. Interventionsphase (der Ole-Bogen aus der Fallmappe). Kriterium: Zielwert in ≥ 3 von 5 Situationen erreicht. Verantwortlich: die Klassenlehrkraft.
Selbstkonzeptziel → Auswertung des Erfolgstagebuchs; optional ein SESSKO-Retest nach einem Halbjahr mit Fokus auf die Skala „sozial".
Zeitabstände: engmaschig laufend (DBR) plus eine zusammenfassende Fortschreibung nach etwa 4 Monaten — bei komplexer Problemlage auch kürzer.